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„Wissen kann man einkaufen. Haltung nicht.“

Blogpost |

29. Juli 2026

Christina Ingenrieth-Klauth, 33, führt seit 2023 den Genholter Hof am Niederrhein in vierter Generation. Ihr Weg dorthin war eher ungewöhnlich: Banklehre, BWL-Studium, Reisen – und dann doch zurück auf den Hof. Ein Gespräch über innere Stimmen, den Mut zum Quereinstieg und die Überzeugung, dass die Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs auch ohne Ausbildung in diesem Bereich funktioniert.

Eine blonde Frau mit grünem T-Shirt mit dem Aufdruck "Genholter Hof" steht vor einem mit Holz verkleidetem Gebäude

Frau Ingenrieth-Klauth, Sie haben eine Banklehre gemacht, BWL studiert und sind dann in die Landwirtschaft auf den Hof ihrer Eltern zurückgekehrt, wie kam es dazu?

Das war wirklich nicht geplant. Ich habe als Kind und Jugendliche gesehen, wie viel Zeit und Kraft meine Eltern in den Betrieb investiert haben, in Landwirtschaft, Gastronomie und Direktvermarktung. Das war und ist eine unglaubliche Leistung. Aber ich habe auch gemerkt: Diesen Einsatz war ich zu dem Zeitpunkt nicht bereit zu bringen. Das war keine Ablehnung der Landwirtschaft, sondern eine nüchterne Rechnung. Daher bin ich den klassischen Weg gegangen: Wirtschaftsabitur, Banklehre bei der örtlichen Volksbank, danach BWL-Studium in Münster. Für mich war lange klar: Der Betrieb ist aktuell einfach nicht Teil meines Plans.


Und was hat Sie umgestimmt?

Ein Seminar während meines Studiums im Jahr 2017. Wir sollten die Augen schließen und uns vorstellen, wo wir in fünf Jahren sind – von morgens aufstehen bis abends ins Bett gehen. Überraschenderweise kam mir das Bild vom Betrieb in den Kopf. Das hatte ich nicht erwartet! Ich war nicht geschockt, aber überrascht: Mein Innerstes hatte offenbar eine andere Planung als mein rationales Selbst.


Wie sind Sie dann mit dieser Erkenntnis umgegangen?

Ich wollte nicht einfach zu meinen Eltern gehen und sagen: „Mein Bauchgefühl sagt, ich soll das übernehmen – wann kann ich loslegen?" Das wäre unfair gewesen. Wir haben dann mit der Landwirtschaftskammer NRW zusammengearbeitet. Die Ansprechpartnerin kannte uns und sagte: „Das ist eine 180-Grad-Wendung, lass uns das rückwärts aufbauen." Mein Vater wollte gerne mit 65 Jahren im Jahr 2023 übergeben. Also haben wir gerechnet: drei Jahre Parallelarbeit von 2020 bis 2023. Und von 2017 bis 2020 hatte ich Zeit, die Entscheidung zu treffen. In dieser Phase habe ich auch angefangen, bei Hofheld zu bloggen, um für mich selbst herauszufinden, ob das wirklich mein Weg ist.



Wie lief die Übergabe dann konkret ab?

Wir haben das sehr professionell gemacht: mit Notar, Steuerberater, Landwirtschaftskammer und dem Rheinischem Landwirtschaftsverband. Wichtig war uns, dass wir das zu viert machen, also meine Schwester, mein Vater, meine Mutter und ich. Die Partner von meiner Schwester und mir saßen nie mit am Tisch. Wir haben uns immer gesagt: Unsere Familie steht an erster Stelle. Es darf nicht passieren, dass wir am Ende den Betrieb übergeben haben, aber kein Wort mehr miteinander reden.


Sie führen jetzt einen landwirtschaftlichen Betrieb, ohne eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert zu haben. Wie fühlt sich das an?

Manchmal komme ich in dieses Gedankenkarussell: Ich kann das alleine nicht, ich bin abhängig von jemandem. Bestes Beispiel: Bei unserer QS-Prüfung hatte ich das Gefühl, dass der Prüfer merkt, dass eher mein Mann und mein Vater diejenigen sind, die Ahnung haben. Ich hatte große Angst, dass er mich etwas fragt und ich dann keine Antwort habe. Das ist einfach noch meine persönliche Baustelle, an der ich auch mit meiner Mentorin arbeite. Sie zieht mir einmal im Monat die Hammelbeine lang und sagt: „Sie können nicht alles können. Schreiben Sie mal auf, was Sie den ganzen Tag machen. Und dann überlegen Sie, ob das Unternehmen ohne diese Aufgaben da stehen würde, wo es jetzt ist." Das hilft enorm, denn die Antwort ist immer: Nein, das würde es nicht.


Aus welchen Aufgaben setzt sich Ihr Alltag zusammen?

Ich bin diejenige, die die Fäden zusammenhält. Morgens um halb sechs bin ich hier, kontrolliere, ob die Autos richtig beladen sind und spreche mit den Fahrern. Ich bin die Schnittstelle zwischen Markt und Betrieb. Dann kommen die Büroarbeit, Preismeldungen und die Koordination von Bestellungen. Wir beliefern in der Spargel- und Erdbeersaison täglich etwa 30 Lebensmitteleinzelhändler mit Spargel, Erdbeeren und Kartoffeln; dazu kommen Wochenmärkte, Gästezimmer und das Hofcafé. Ich habe die Gästezimmer auf Booking.com gebracht, seitdem laufen die Buchungen viel besser. Oder ich schaue, wie wir die internen Abläufe effizienter machen können. Meine Rolle ist nicht, auf dem Feld zu stehen und zu erklären, welche Süßkartoffelsorte wir anbauen. Dafür kaufe ich mir Fachexpertise ein, genau wie ich es bei Steuerfragen oder IT machen würde. Meine Rolle dreht sich um Organisation, Strategie und Entscheidungen treffen.



Wie war es für Sie, als Frau in der Landwirtschaft Fuß zu fassen?

Bei uns im Betrieb war das nie ein Thema. Es stand nie zur Debatte, dass ich als Tochter nicht übernehmen könnte. Mein Vater hatte eher Sorge, wie ich den Job körperlich schaffen soll; die körperlichen Aufgaben kennt er ja sehr gut. Aber das kam aus der Vaterrolle, nicht aus der Unternehmerrolle. Für mich war immer klar: Ich bin eine (Jung-)Unternehmerin. Ich kaufe mir das Know-how ein, wie andere Unternehmen das auch machen. Aber als ich 2017 bis 2020 in diesem Prozess war, habe ich nach Frauen gesucht, die ähnlich unterwegs waren wie ich. Ich habe kaum welche gefunden. Das kann doch nicht sein, dachte ich. Und dann habe ich mir gesagt: Wenn ich niemanden finde, warum kann ich dann nicht vielleicht für jemand anderen ein Vorbild sein?



Was müsste sich strukturell ändern, damit mehr Frauen in der Landwirtschaft Führungspositionen übernehmen?

Die Landwirtschaftsverbände und das Ehrenamt sind noch stark von einem festen Rollenmuster geprägt: Die Männer sitzen zusammen und fachsimpeln, die Frauen kümmern sich nebenbei um Kaffee, Verpflegung oder das Protokoll. Das Problem ist nicht, dass Frauen andere Prioritäten hätten, sondern dass diese Rollenverteilung einfach als gegeben gilt, ohne sie infrage zu stellen. Eine Doppelspitze allein löst das nicht, wenn die Grundannahme bleibt, wer welche Aufgabe automatisch übernimmt. Es braucht eine grundsätzliche Vereinbarkeit von Lebenswelten – für Männer genauso wie für Frauen. Erst wenn wir aufhören, Rollen von vornherein zuzuweisen, verändert sich etwas.



Welche Stärken bringen Frauen Ihrer Meinung nach in landwirtschaftliche Betriebe ein?

Wenn wir Frauen von vornherein das Emotionale zuschreiben und Männern das Fachliche, zementieren wir genau die Rollenverteilung, die wir eigentlich aufbrechen wollen. Ich kenne Frauen, die brillant kalkulieren und verhandeln, und Männer, die außergewöhnlich gut im Umgang mit Mitarbeitenden sind. Die eigentliche Frage ist nicht, was Frauen mitbringen, sondern dass wir aufhören, Kompetenzen von vornherein nach Geschlecht zu sortieren.

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Wie wichtig sind Netzwerke für Sie?

Definitiv wichtig. Diese Stutenbissigkeit, die Frauen untereinander unterstellt wird, kann ich überhaupt nicht bestätigen. Frauen sprechen untereinander eine andere Sprache, emotionaler, mit mehr Raum für bestimmte Themen. Und es ist wichtig, Gleichgesinnte zu haben: In Niedersachsen sitzt da eine Christine, die ich anrufen kann, die versteht, was ich meine, wenn ich sage: Mein Mann hat selbst einen Betrieb, ich habe dadurch längere Fahrtstrecken, und ich bin diejenige, die hier alles zusammenhält. Solche Situationen finde ich bei anderen Frauen in meinem Netzwerk wieder – mit ihnen kann ich darüber reden und stoße auf Verständnis. Die Netzwerke, die es gibt, wie Junge Landfrauen, sind sehr stark im Wachstum. Und das ist nachvollziehbar. Es hilft, wegzukommen von diesem Social-Media-Bild, dass immer alles top ist.

Wie blicken Sie als junge Hofnachfolgerin in die Zukunft?

Die Landwirtschaft steht unter enormem Druck: Klimawandel, Preisdruck, Abhängigkeit vom Großhandel. Wir setzen stark auf Direktvermarktung, weil wir da mehr Unabhängigkeit haben. Aber es kann nicht sein, dass wir immer effizienter arbeiten müssen, während der Verbraucher sagt: „Ich möchte regional, am besten Bio, aber es soll nichts kosten." Und der Lebensmitteleinzelhandel sagt: „Tut mir leid, du bräuchtest mehr für deine Erdbeeren, aber der Verbraucher zahlt nicht – was sollen wir machen?" Diese Diskussion müssen wir führen. Gleichzeitig sehe ich Chancen: in der transparenten Kommunikation zu diesen Themen und in der Vernetzung.

Welche Botschaft möchten Sie anderen jungen Frauen in der Landwirtschaft mitgeben?

Traut euch. Ihr müsst nicht alles können. Andere Unternehmer können auch nicht alles. Sucht euch Unterstützung, vernetzt euch, seid authentisch. Und wenn es nur eine ist, die sagt: „Sie hat es auch gemacht als Quereinsteigerin" – dann hat es sich schon gelohnt.


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