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UN-Jahr der Landwirtin Wie Frauen die Landwirtschaft resilienter und zukunftsfähiger machen

Blogpost |

7. Januar 2026

Dieser Beitrag ist am 7. Januar 2026 im Tagesspiegel Background Agrar & Ernährung erschienen.

steinbock spricht...
Die Landwirtschaft in Deutschland könnte ihre Zukunftsfähigkeit mit mehr Frauen in Verantwortung noch besser sichern. Bisher aber bleiben die Fähigkeiten von Frauen zu oft noch ungenutzt, schreiben Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes, und Nikola Steinbock, Sprecherin des Vorstands der Rentenbank. Das UN-Jahr der Landwirtin biete die Chance, strukturelle Hürden offen zu benennen und den Weg für echte Fortschritte zu ebnen.

Die deutsche Landwirtschaft steht vor grundlegenden Herausforderungen: Klimawandel, Digitalisierung, steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit sowie steigende Kosten und ein wachsender Fach- und Arbeitskräftemangel setzen die Branche unter Druck und verlangen nach neuen Lösungen. Für die Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft sind Investitionen in innovative Technologien und Verfahren entscheidend.

Gleichzeitig wird die Branche nur erfolgreich sein, wenn sie von gut ausgebildeten, engagierten Menschen getragen und weiterentwickelt wird. Deshalb sind Know-how und die hohe Motivation die Basis für die Landwirtschaft, um die aktuellen und kommenden Herausforderungen zu meistern.

Vor diesem Hintergrund ist es unverzichtbar, das Potenzial an Talenten voll auszuschöpfen. Besonders die Fähigkeiten und Kompetenzen von Frauen werden bislang jedoch nicht ausreichend genutzt. Das von den Vereinten Nationen ausgerufene UN-Jahr der Landwirtin bietet Gelegenheit, offen über die strukturellen Hürden zu sprechen, die Frauen in der Landwirtschaft weiterhin ausbremsen. Gleichzeitig ist jetzt der Moment, konkrete Maßnahmen zu benennen, die Politik, Verbände und die Wirtschaft ergreifen müssen, um diese Barrieren abzubauen.

Was die Zahlen zeigen

Die Debatte darüber muss auf belastbaren Daten beruhen. Die amtliche Statistik für 2023 zeigt: Nur rund elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geleitet. Gleichzeitig sind laut Angaben des Deutschen Bauernverbandes über ein Drittel der Beschäftigten in der Landwirtschaft weiblich.

Die Mehrheit dieser Frauen arbeitet jedoch in familiennahen oder abhängigen Beschäftigungsverhältnissen. Als formale Betriebsleiterinnen oder selbstständige Unternehmerinnen sind sie deutlich unterrepräsentiert. Die Zahlen zeigen eine klare Schieflage: Frauen tragen erheblich zur Arbeitsleistung in der Landwirtschaft bei, bleiben aber in Führungs- und Entscheidungspositionen weitgehend unsichtbar.

Dabei ist gerade ihre stärkere Einbindung in Leitungsfunktionen ein entscheidender Hebel für die Zukunftsfähigkeit der Branche. Mehr Frauen in Führungsrollen bedeuten vielfältigere Entscheidungsstrukturen, neue Perspektiven im Risikomanagement, eine stärkere Diversifizierung von Betriebszweigen sowie innovative Vermarktungs- und Geschäftsmodelle. Studien zeigen: Betriebe mit gemischten Führungsteams sind häufig innovationsfreudiger – landwirtschaftliche Betriebe sind dabei keine Ausnahme.

Wo die strukturellen Hürden liegen

Die Ursachen für die Diskrepanz zwischen weiblichen Beschäftigten in der Landwirtschaft und Führungskräften sind vielfältig:

Hofübergaben und Eigentumsstrukturen: Traditionelle Übergabemuster bevorzugen häufig männliche Nachfolger. Frauen, die den Betrieb über Jahre mittragen, bleiben formal oft ohne Eigentum oder Leitungsfunktion. Das hat direkte Folgen für Rentenansprüche, Kreditwürdigkeit und unternehmerische Handlungsspielräume.

Finanzierung und Sicherheiten: Frauen verfügen seltener über eigenes Land oder Betriebsvermögen, ihre Einkommen liegen unter denen der Männer. Klassische Kreditmodelle benachteiligen sie dadurch strukturell. Ohne gezielte Förderinstrumente bleibt der Zugang zu Kapital eingeschränkt.

Anerkennung von Arbeit und soziale Absicherung: Unverzichtbare Arbeit als Familienarbeitskraft oder in Teilzeit wird häufig unzureichend sozial abgesichert und statistisch nicht als unternehmerische Tätigkeit erfasst. Das erschwert Altersvorsorge, betriebliche Anerkennung und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Ausbildung, Beratung und Netzwerke: Beratungsangebote, Weiterbildungen und Netzwerke sind vielfach nicht auf die Lebensrealitäten und Karrierewege von Frauen zugeschnitten. Mentorinnen, Vorbilder und gezielte Programme für Führungsaufgaben fehlen vielerorts.

Vereinbarkeit und ländliche Infrastruktur: Kinderbetreuung, Mobilität, Gesundheitsversorgung und flexible Arbeitsmodelle sind entscheidend dafür, ob Frauen Führungsverantwortung übernehmen. Defizite in der ländlichen Infrastruktur kosten der Branche qualifizierte Fachkräfte.

Was jetzt getan werden muss

Wichtig ist, diese Hürden mit zielgerichteten Maßnahmen abzubauen:

Faire und transparente Hofübergaben ermöglichen: Rechtliche, steuerliche und finanzielle Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass Frauen realistische Chancen auf Hofübernahmen erhalten. Dazu gehören qualifizierte Beratung, Mediation und am Ende auch ein Umdenken in den Köpfen.

Zugang zu Kapital gezielt verbessern: Förderprogramme, Startkredite und Darlehen mit geringeren Anforderungen an Sicherheiten sind Investitionen in die Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft. Entscheidend sind transparente Information und niedrigschwellige Antragshilfen.

Qualifizierung, Beratung und Mentoring ausbauen: Gezielte Weiterbildungsangebote, Mentoring-Programme und Netzwerke für Gründerinnen und Betriebsleiterinnen erhöhen Selbstwirksamkeit und wirtschaftlichen Erfolg.

Infrastruktur stärken: Investitionen in Kinderbetreuung, Verkehrsanbindung und Gesundheitsversorgung sind Standortpolitik – und eine Voraussetzung dafür, dass Frauen Führungsverantwortung übernehmen können.

Politische Interessenvertretung ausbauen: Frauen brauchen eine deutlich stärkere Stimme in agrarpolitischen Prozessen und Gremien. Konsultationen, Anhörungen und Arbeitsgruppen sollten gezielt weibliche Expertise einbeziehen und deren Perspektiven systematisch berücksichtigen.

Sichtbarkeit schaffen und Rollenbilder verändern: Vorbilder, Medienpräsenz und öffentliche Anerkennung von Landwirtinnen sind kulturelle Infrastruktur. Sie verändern langfristig Erwartungen und eröffnen neue Handlungsspielräume.

In Verantwortung gehen

Die Rentenbank und der Deutsche Bauernverband übernehmen – wie viele andere Akteure der grünen Branche – gezielt Verantwortung, um Frauen in der Landwirtschaft zu fördern. Die Rentenbank unterstützt Hofnachfolgerinnen und Existenzgründerinnen mit speziellen Förderprogrammen, attraktiven Kreditangeboten und der Finanzierung von Beratungsleistungen. Zusätzlich bietet sie ein Coaching-Programm an, das Frauen in der Branche ermutigt und sie konkret dabei begleitet, Führungsaufgaben in der Landwirtschaft zu übernehmen.

Das Coaching-Programm geht dabei über klassische betriebswirtschaftliche Beratung hinaus: Es unterstützt Frauen nicht nur bei Existenzgründung, Selbstorganisation und Unternehmensführung, sondern legt auch Wert auf Gesundheitsförderung und Prävention. So werden Landwirtinnen ganzheitlich gestärkt und auf die Herausforderungen in Führungspositionen vorbereitet.

Der Deutsche Bauernverband trägt aktiv zu verbesserten Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft bei. Ein zentrales Element ist der Unternehmerinnen-Fachausschuss, den der DBV 2022 gegründet hat, um Unternehmerinnen und Landwirtinnen in der Agrarpolitik und Verbandsarbeit eine stärkere Stimme zu geben.

Der Fachausschuss stützt sich auf drei zentrale Säulen: die Mitgestaltung der Agrarpolitik, die Netzwerkbildung sowie die gezielte Förderung und Stärkung von Frauen in der Landwirtschaft und im Verband. Über den Fachausschuss werden zudem Fortbildungsangebote und ein Mentoringprogramm, „Kompass“ bereitgestellt, um Frauen in der Branche noch gezielter zu unterstützen und sie für die Verbandsarbeit zugewinnen. Denn nur wenn Frauen mit am Entscheidungstisch sitzen – ob im Verband, in der Politik oder im Unternehmen – können ihre Belange gehört werden.

Ein wichtiger Bestandteil ist auch das Unternehmerinnennetzwerk, das aktuell über 200 Unternehmerinnen aus ganz Deutschland miteinander verbindet.

In den vergangenen Jahren hat der Verband die Bedeutung von Frauen in der Landwirtschaft verstärkt in den Fokus gerückt – unter anderem durch Situationsberichte und regionale Programme zur Stärkung von Frauen im Ehrenamt. Nachhaltige Wirkung entsteht jedoch erst, wenn FinanzierungBeratungInfrastruktur und kultureller Wandel gemeinsam gedacht und umgesetzt werden. Deshalb ist es entscheidend, dass alle zentralen Akteure – von der Politik über Verbände bis hin zur Finanzwirtschaft – an einem Strang ziehen und gemeinsam handeln.

Um die Relevanz des Themas zu unterstreichen und die Herausforderungen sichtbar zu machen, starten die Rentenbank und der Deutsche Bauernverband eine gemeinsame Kampagne: Jeden Monat wird eine Landwirtin porträtiert, ihre Geschichte erzählt und ihr Mut sowie ihre individuellen Herausforderungen hervorgehoben.

Ein gemeinsamer Auftrag

Frauen machen die Landwirtschaft resilienter und zukunftsfähiger. Ihre Stärkung ist daher eine Frage der Zukunftssicherung. Die notwendigen Schritte sind bekannt. Jetzt geht es um konsequente Umsetzung.

Wir verstehen diesen Beitrag als Appell – und als Angebot. Nutzen wir das UN-Jahr der Landwirtin als Startpunkt für wichtige Veränderungen, die die Landwirtschaft langfristig erfolgreich machen.

#UNJahrderLandwirtin #Landwirtschaft #Resilienz