Maxi, du hast Medienwissenschaften studiert, in Manchester gelebt - und bist dann mit Anfang 30 zurück nach Grapzow gekommen, um Landwirtin zu werden. Wie kam es dazu?
Während ich noch in England war, kam die Frage auf: Wer übernimmt mal den Familienbetrieb? Meine jüngere Schwester ist Friseurmeisterin, die Töchter meines Onkels arbeiten außerhalb der Landwirtschaft. Ich hatte mich eigentlich schon immer für die Landwirtschaft interessiert, als Kind fand ich es immer beeindruckend, in den Sommerferien am Feldrand zu stehen und die schweren Drescher über den Acker fahren zu sehen. Aber ich hatte ja einen ganz anderen beruflichen Werdegang fernab der Landwirtschaft. Die Herausforderung war: Wenn, dann müsste ich noch mal studieren, um die Fachlichkeit mitzubringen. Mit Anfang 30 ein zweites Studium anfangen – schafft man das?
Und dann hast du es gemacht!
Ja. Ich habe mit einer Landwirtin telefoniert, die einen ähnlichen Background hatte. Sie hat mich bestärkt: Mach das, trau dir das zu, hab keine Angst. Dann hat die Hochschule Neubrandenburg zum ersten Mal ein duales Studium Agrarwirtschaft aufgelegt. Das passte perfekt, weil ich die Theorie mit der Praxis verbinden konnte. Ich habe mir gesagt: Wenn ich nach einem Jahr merke, das passt nicht, dann habe ich es versucht. Aber es hat mir unwahrscheinlich viel Spaß gemacht.
Du saßt dann im Alter von 30 Jahren in einer Klasse mit 16-, 17-jährigen Berufsschülerinnen und Berufsschülern zusammen.
Genau, wir waren vier duale Studierende, zwei Mädels, zwei Jungs. Man muss sehr flexibel sein. Aber meine Berufsschulklasse hat es mir leicht gemacht, das waren wirklich gute Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter. Durchs erste Studium und den Auslandsaufenthalt hatte ich gelernt, strukturiert und zielorientiert zu arbeiten. Das Fachliche musste ich natürlich neu lernen.

Während des Studiums bist du bereits als Geschäftsführerin ins Unternehmen eingestiegen. Wie war das?
Es fühlte sich ein wenig an wie ein Sprung ins kalte Wasser, als mein Vater und mein Onkel mich offiziell mit den Worten vorstellten: „Das ist Maxi, die kennt ihr ja schon. Sie arbeitet ab sofort auf der Ebene der Geschäftsführung!“, da stand ich vor gestandenen Landwirten, die den Betrieb mit aufgebaut haben, und die mich vom Kindergarten an kennen. Ich war fachlich noch ganz am Anfang, hatte gerade erst mit dem dualen Studium begonnen. Diese Position musste ich mir erst erarbeiten, nicht nur durch den Titel, sondern durch Wissen, Erfahrung und die tägliche Arbeit. Das braucht Zeit.
Aus welchen Aufgaben setzt sich dein Alltag heute zusammen?
Mein Aufgabengebiet ist sehr vielschichtig. Ich teile mir die Geschäftsführung mit Jakob Senger, den ich damals in der Berufsschule kennenlernte. Ich bin unter anderem für den Saatguteinkauf zuständig, vermarkte Feldfrüchte, betreue Sortendemos. Zudem leite ich die Getreide- und Rapsernte mit, kümmere mich um die Flächenverwaltung sowie Verpächterpflege und bearbeite Förderanträge. Außerdem bin ich in der Prüfungskommission für Landwirtinnen und Landwirte und zuständig für die Ausbildung unserer Azubis. Ein weiterer großer Faktor ist die Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel über Bauernhofpädagogik und Gremienarbeit. Ich hatte vorgestern wieder zwei Schulklassen bei uns, die Kartoffeln gepflanzt haben. Es ist mir wichtig, Kindern früh zu vermitteln: Das ist nicht Bullerbü, sondern das sind große wirtschaftliche Betriebe.
Du bist Mitgründerin des Arbeitskreises Unternehmerinnen im Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern. Wie kam es dazu?
Das war eigentlich ganz witzig. Aus einer privaten Laune heraus habe ich gedacht: Mensch, ich gründe jetzt einen Stammtisch für Landwirtinnen. Ich hatte einfach Lust, mich mit anderen Frauen auszutauschen, die in der Branche mit ähnlichen Alltagshürden zu kämpfen haben. Warum immer auf dem eigenen Misthaufen scharren? Dann haben wir ganz klein angefangen, uns privat zu treffen. Und dann rief mich Sabine Firnhaber, die Vizepräsidentin des Bauernverbands, an und sagte, sie möchte gerne den Arbeitskreis Unternehmerinnen gründen, mit einer Doppelspitze, damit man sich gegenseitig vertreten kann. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, weil ich dachte: Jetzt kann ich das, was ich privat angeschoben habe, auf Verbandsebene machen und dadurch viel mehr erreichen.
Was macht ihr im Arbeitskreis?
Wir haben ganz unterschiedliche Themen. Im Januar haben wir den Landtag in Schwerin besucht und Vertreter*innen aus der Politik eingeladen. Zusammen mit unseren AK Mitgliedern haben wir wichtige politische Kernforderungen an die Landtagsabgeordneten herangetragen. Bei einem anderen Treffen haben wir die Thematik Bauernhofpädagogik behandelt. Letzten Herbst hatten wir ein Speed-Dating-Netzwerktreffen auf der MELA. Es gibt so viele interessante und vor allen Dingen starke Frauen in unserem Arbeitskreis, da wird einem immer wieder bewusst, wie viel Halt und konstruktives Feedback man in so einem Netzwerk findet. Ich komme aus jedem Netzwerktreffen so motiviert und gestärkt heraus – davon profitiere ich nicht nur persönlich, sondern nehme auch für den beruflichen Alltag viele Hinweise und Hilfestellungen mit nach Hause in den Betrieb.

Welche Rolle spielen Netzwerke für dich?
Das Netzwerken ist oft ein unterschätzter Faktor, aber unheimlich wichtig, um Frauen den Rücken zu stärken. Man trifft auf Gleichgesinnte, die sich mit ähnlichen Problemen auseinandersetzen müssen, mit denen wir in der Landwirtschaft und speziell in der Rolle als Frau zu kämpfen haben – dabei denke ich an Themen wie die Hofnachfolge, den Generationswechsel und auch die Vereinbarkeit von Familie und Betrieb. Im Austausch mit anderen Frauen bekommt man einen anderen Blickwinkel auf diese Herausforderungen, erhält Lösungsansätze und Hilfestellungen bei schwierigen Entscheidungen. Außerdem bieten Netzwerke einen Zugang zu Wissen und Chancen durch die Erfahrungen der anderen. Netzwerke schaffen Inspiration, helfen bei der Ideenfindung und bereichern die eigene Motivation. Für mich geben Netzwerke einen großen Rückhalt, den man unter Gleichgesinnten findet, und sie sind ein unschätzbares Schlüsselinstrument, sowohl in der persönlichen als auch in der betrieblichen Weiterentwicklung.
Das Jahr 2026 ist UN-Jahr der Landwirtinnen. Was muss sich verbessern, damit mehr Frauen in Führungspositionen kommen?
Frauen sind fester Bestandteil in der Landwirtschaft, auf der Führungsebene aber immer noch weniger repräsentativ. Das liegt nicht an den fehlenden Qualifikationen, sondern eher an den strukturellen Hürden, mit denen wir uns im Berufsalltag auseinandersetzen müssen. Das Thema Hofnachfolge ist es immer noch sehr männlich geprägt: der Sohn soll den Betrieb übernehmen, auch wenn Töchter da sind. Man sollte weibliche Nachwuchskräfte frühzeitig in Betriebsentscheidungen einbinden. Eine geschlechterunabhängige Nachfolgereglung sollte selbstverständlich sein. Frauen haben manchmal schwierigeren Zugang zu Krediten, weil sie weniger Sicherheiten haben. Auch Förderprogramme sind für Frauen manchmal schwieriger zugänglich; es braucht einen leichteren Zugang zu finanziellen Mitteln mit weniger Bürokratie. Und natürlich ist die Vereinbarkeit von Betrieb und Familie ein großes Thema. Landwirtschaft ist kein Nine-to-five-Job. Die Kinderbetreuung, speziell in den ländlichen Räumen, ist oft unzureichend gedeckt.

Was sind Stärken, die besonders Frauen in Betriebe einbringen?
Die Mischung macht's – ein funktionierender Betrieb profitiert am meisten von gemischten Teams, da dann unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Aber ich denke, Frauen zeichnet die Fähigkeit des Multitaskings und der Organisation aus. Sie sind gut darin, diverse Aufgaben parallel zu koordinieren, sei es die administrative Arbeit im Büro, die organisatorische Hofverwaltung oder das Familienmanagement. Frauen haben ein ganzheitliches Denken – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch nachhaltig. Dadurch können sie auch gut langfristig planen. Sie haben Innovationsbereitschaft, andere Betriebszweige aufzubauen: Hofladen, Direktvermarktung, Bildungsangebote. Wir haben ein großes Auge fürs Detail und legen Wert auf Genauigkeit und Qualität. Und ich glaube, dass wir unter den vielen Unsicherheiten hohe Flexibilität und kreative Lösungsansätze mitbringen. Außerdem besitzen Frauen ausgeprägte soziale Kompetenzen, was wiederum hilfreich beim Umgang mit Kunden, in der Mitarbeiterführung aber auch beim Netzwerken sein kann.
Wie blickst du in die Zukunft des Kartoffelbaus?
Das große Problem ist, dass die verarbeitende Industrie vor der Herausforderung steht, Absatzmärkte zu erschließen, weil weltweit der Kartoffelanbau expandiert. Das hat Auswirkungen auf den europäischen Kartoffelmarkt und somit auf jeden einzelnen Kartoffelanbauer. Ich kann nicht einfach sagen, ich baue jetzt 50 Hektar mehr an, sondern ich muss vorher meinen Absatzmarkt gesichert haben. Als Chancen sehe ich Kooperationen und Erzeugergemeinschaften, also dass Landwirte sich zusammenschließen und gemeinsam stark in Verhandlungen gehen. Mecklenburg-Vorpommern hat gute Voraussetzungen, weil wir große, weltweit wirtschaftende Unternehmen und verarbeitende Fabriken vor Ort haben, um auf dem globalen Markt mitzuspielen. Unser Bundesland hat einen hohen Stellenwert in der Kartoffelproduktion, weil es in einigen Regionen nach der Gesundlagenverordnung arbeitet. Deshalb können wir unsere Kartoffeln mit besonders hohen Qualitätsstandards in puncto Pflanzengesundheit produzieren.

Wir machen deine Stimme laut: Welche Botschaft gibst du anderen Frauen in der Landwirtschaft mit?
Ich habe vier Kernbotschaften. Erstens: Einfach machen! Wenn dir etwas Spaß macht und du es mit Leidenschaft ausübst, kannst du jede Herausforderung meistern. Zweitens: Hab keine Angst, um Hilfe zu bitten! Nach Hilfe zu fragen, zeugt von Größe und Intelligenz. Es gibt so viele Menschen, die schon vor denselben Hürden standen. Drittens: Vernetze dich! Nichts ist motivierender und bereichernder als der Austausch mit Menschen aus der Branche. Und viertens: Trau dich! Wir Frauen wollen immer alles perfekt machen. Aber es muss nicht immer perfekt sein. Ich zitiere gerne Pippi Langstrumpf: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe." An sich glauben – das gilt für Frauen in der Ausbildung, in der Neuausrichtung oder als langjährige Unternehmerin.
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