Wenn wir über die Zukunft unserer Wirtschaft sprechen, stehen meist Themen wie Digitalisierung, Energieversorgung oder Klimawandel im Mittelpunkt. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Biodiversität. Sie bildet die ökologische Basis, auf der ganze Wirtschaftssektoren und letztlich unsere gesamte Gesellschaft aufbauen – und muss deshalb Teil der Diskussionen sein.
Biodiversität als Wirtschafts- und Standortfaktor
Werfen wir einen genaueren Blick auf die Relevanz von Biodiversität. Intakte Ökosysteme erbringen essenzielle Leistungen wie Bestäubung, sauberes Wasser oder den Sauerstoff zum Atmen. Sie bilden somit die Grundlage für unser Leben und Wirtschaften.
Der Rückgang der biologischen Vielfalt betrifft entsprechend weit mehr als das Erscheinungsbild unserer Landschaften. Er gefährdet Wertschöpfungsketten, Produktionssicherheit und die Attraktivität langfristiger Investitionen. Die Folgen sind bereits heute spürbar: Steigende Kosten für Wasseraufbereitung, Schädlingsbekämpfung und Versicherungen gegen Extremwetterereignisse zeigen, wie sehr wir auf funktionierende Ökosysteme angewiesen sind.
Die Erosion der Biodiversität ist also nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein volkswirtschaftliches Risiko: Je stärker die Natur geschwächt wird, desto instabiler wird unser wirtschaftliches Fundament.
Für die Finanzwirtschaft rückt Biodiversität damit mehr in den Fokus der Risikoanalyse. Kreditentscheidungen und Investitionen müssen künftig stärker berücksichtigen, wie abhängig Geschäftsmodelle von stabilen Ökosystemen sind.
Um den wachsenden Risiken durch den Verlust biologischer Vielfalt zu begegnen, hat die Finanzaufsicht regulatorische Vorgaben eingeführt. Banken sollen Biodiversität stärker in ihre Kreditvergabe, Risikobewertung und Portfolioanalysen zu integrieren. Damit rückt Biodiversität nicht nur als ökologisches Thema, sondern auch als zentraler Faktor für die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit unseres Standorts in den Fokus.
Landwirtschaft als Schlüsselakteur für den Schutz der Biodiversität
Die Landwirtschaft ist dabei zum einen betroffen vom Verlust an Biodiversität, aber auch und vor allem entscheidender Teil der Lösung. Keine andere Branche gestaltet Natur so unmittelbar. Sie ist damit ein Hebel von enormer Wirkungskraft. Regenerative Praktiken können Biodiversitätsschutz und Lebensmittelerzeugung vereinen und werden bereits auf vielen Betrieben angewandt: Vielfältige Fruchtfolgen, Blühstreifen, humusaufbauende Bewirtschaftung, Präzisionslandwirtschaft oder ein ressourcenschonender Einsatz von Betriebsmitteln.
Diese Maßnahmen verbessern nicht nur Lebensräume, sondern wirken sich nachweislich positiv auf Bodengesundheit, Wasserhaushalt und Ertragssicherheit aus. Biodiversität schafft robuste Produktionssysteme – und damit Zukunftssicherheit für Betriebe und Regionen. Das zeigt: Die Landwirtschaft ist eng mit der Natur verwoben und bietet für Finanzierer und Investoren Chancen, die kaum ein anderer Sektor bieten kann.
Um diese Potenziale flächendeckend zu heben, braucht es aber angemessene Rahmenbedingungen: Anerkennung, Beratung, Investitionsförderung und monetäre Anreize für Betriebe, die Biodiversität aktiv fördern. Wer Naturleistungen erhält, muss dafür auch Unterstützung bekommen. Biodiversität darf nicht zum Kostenfaktor für einzelne Betriebe werden, sondern muss als gesamtgesellschaftlicher Wert honoriert werden.
Was jetzt nötig ist: Daten, Standards und Anreize
Unsere aktuelle Studie zur Biodiversität im Agrarbanking, die wir als Rentenbank gemeinsam mit der Unternehmensberatung Capgemini Invent durchgeführt haben, macht deutlich: Wir stehen erst am Anfang. Der größte Engpass besteht in der fehlenden Vergleichbarkeit von Daten. Während der Klimaschutz mit CO₂-Werten weltweit einen einheitlichen Referenzpunkt bietet, ist Biodiversität regional unterschiedlich, vielschichtig und ökologisch komplex. Dadurch werden naturbezogene Faktoren bei der Bewertung landwirtschaftlicher Kreditnehmer oft pauschal und nicht standort- oder betriebsspezifisch geschätzt.
Aus Sicht der Rentenbank sind deshalb drei Dinge zentral:
- Einheitliche und praxistaugliche Bewertungsstandards, die Naturrisiken und Naturleistungen erfassen – nicht nur auf hohem wissenschaftlichem Niveau, sondern so, dass sie auch für landwirtschaftliche Betriebe und Banken anwendbar sind. Nur so können die tatsächlichen Leistungen und Chancen sichtbar gemacht und gezielt gefördert werden.
- Attraktive Förderprogramme und monetäre Anreize, die sich an messbare Leistungen knüpfen. Biodiversität muss sich betriebswirtschaftlich lohnen – durch Zuschüsse, zinsgünstige Kredite oder neue Vergütungsmodelle.
- Digitale Tools und Datenplattformen, die Transparenz schaffen, Maßnahmen sichtbar machen und Entscheidungen erleichtern.
Nur wenn wir Biodiversität messbar machen, wird sie auch steuerbar und finanzierbar.
Einladung zum Dialog
Unsere Studie ist deshalb bewusst als Einladung zum Dialog formuliert. Die Herausforderungen sind groß, aber sie sind lösbar – vorausgesetzt, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Landwirtschaft arbeiten eng zusammen.
Für uns bei der Rentenbank ist klar: Der Schutz der biologischen Vielfalt wird zum zentralen Resilienzfaktor der kommenden Jahre. Wer früh handelt, wird langfristig widerstandsfähiger, innovationsstärker und wirtschaftlich erfolgreicher sein.
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