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Frauen in der Landwirtschaft – kein Nice to have, sondern ein Erfolgsmodell

Blogpost |

19. Januar 2026

Diese Keynote wurde am 19.1.26 beim DBV-Medienabend im Rahmen der Grünen Woche gehalten.

steinbock spricht über…
Frauen sind in der deutschen Landwirtschaft unverzichtbar, übernehmen aber bislang viel zu selten Leitungsfunktionen und erhalten zu wenig Sichtbarkeit. Die stärkere Einbindung von Frauen in Führungspositionen bringt nachweislich mehr Innovation, Vielfalt und Resilienz für die Branche und ist entscheidend für deren Zukunftsfähigkeit. Politik, Verbände und Finanzwirtschaft müssen gemeinsam faire Rahmenbedingungen schaffen, damit Frauen ihr Potenzial voll entfalten und die Landwirtschaft nachhaltig voranbringen können.

Nikola Steinbock während ihrer Keynote auf dem DBV-Medienabend am 19.1.2026

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Vertreterinnen und Vertreter der Medien,

die Internationale Grüne Woche ist jedes Jahr ein Schaufenster für die Leistungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft. Sie zeigt, wie innovativ, vielfältig und leistungsstark diese Branche ist – und gleichzeitig, vor welchen tiefgreifenden Herausforderungen sie steht.

Denn die deutsche Landwirtschaft befindet sich mitten in einem umfassenden Transformationsprozess. Der Klimawandel verändert Produktionsbedingungen grundlegend. Die Anforderungen an Nachhaltigkeit, Tierwohl und Ressourcenschutz steigen. Digitalisierung eröffnet neue Chancen, verlangt aber Investitionen und Know-how.

Und all das trifft auf einen zunehmenden Fach- und Arbeitskräftemangel – gerade im ländlichen Raum.

Diese Herausforderungen lassen sich nicht mit einfachen Antworten bewältigen. Sie erfordern Investitionen in Technik und Prozesse, vor allem aber auch Investitionen in Menschen. In gut ausgebildete, motivierte und engagierte Persönlichkeiten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Betriebe weiterzuentwickeln.

Vor diesem Hintergrund möchte ich heute über eine Gruppe sprechen, ohne die die Landwirtschaft ihre Zukunftsfähigkeit nicht sichern kann: über Frauen in der Landwirtschaft.

Ich habe es gerade angemerkt: die Grüne Woche zeigt die Leistungsfähigkeit der Branche. Sie macht aber auch sichtbar, wie wenig Frauen an entscheidenden Positionen sitzen. Ja, die Branche ist vielfältig, was ihr Produkte und Produktionsweise, ihre Ausrichtung und Betriebsformen und so weiter angeht. Aber sie ist wenig divers, was die Geschlechterverteilung in Eigentum und oder führenden Positionen angeht.

Also ist die grüne Woche doch ein guter Anlass, um deutlich zu machen, warum Frauen in dieser Branche kein „Nice to have“ sind – sondern ein Erfolgsmodell.

Wenn wir über Frauen in der Landwirtschaft sprechen, dann sprechen wir nicht über eine kleine Minderheit. Im Gegenteil. Wir sprechen über viele Menschen. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft ist weiblich. Frauen arbeiten auf den Höfen, in den Ställen, in der Direktvermarktung, im Büro, im Management, in neuen Betriebszweigen und in der Agrarwirtschaft insgesamt. Ohne ihren täglichen Einsatz würde ein großer Teil der Betriebe schlicht nicht funktionieren.

Und dennoch zeigt die amtliche Statistik für 2023 ein anderes Bild, wenn es um formale Verantwortung geht: Nur rund elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geleitet.

Diese Diskrepanz ist bemerkenswert. Sie macht deutlich, dass Leistung und Verantwortung in der Landwirtschaft noch immer nicht in gleichem Maße verteilt sind.

Viele Frauen arbeiten in familiennahen oder abhängigen Beschäftigungsverhältnissen. Sie tragen Verantwortung im Alltag – aber nicht auf dem Papier. Sie treffen Entscheidungen – aber oft ohne formale Entscheidungsbefugnis. Sie sind unverzichtbar – bleiben aber häufig unsichtbar.

Das ist nicht nur eine Frage der Anerkennung. Es ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit der gesamten Branche.

Die stärkere Einbindung von Frauen in Leitungs- und Entscheidungsfunktionen ist kein Selbstzweck. Sie bringt deutliche konkrete Vorteile.

Unterschiedliche Studien zeigen, dass gemischte Führungsteams vielfältigere Perspektiven einbringen, Risiken differenzierter bewerten und häufiger neue – notwendige - Wege gehen. In der Landwirtschaft kann das bedeuten: neue Produktionszweige, innovative Vermarktungskonzepte, stärkere Diversifizierung oder auch eine andere Herangehensweise an Nachhaltigkeitsfragen.

Gerade in Zeiten großer Unsicherheit – sei es durch Wetterextreme, volatile Märkte oder politische Rahmenbedingungen – ist diese Vielfalt ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Frauen bringen andere Erfahrungen ein, andere Blickwinkel, andere Prioritäten. Sie denken häufig langfristig, verbinden ökonomische und soziale Aspekte und entwickeln Betriebe ganzheitlich weiter. All das sind Fähigkeiten, die in einer Branche im Wandel dringend gebraucht werden.

Und übrigens: Frauen sind besser für Krisen gerüstet. Wir profitieren von unseren zwei X-Chromosomen. Denn diese stärken nicht nur die Immunabwehr, sondern enthalten auch Gene für die Regulation von Stress und Emotionen. Das macht uns Frauen körperlich und psychisch widerstandsfähiger. Genau das hilft uns, Krisen flexibler und erfolgreicher zu bewältigen.

Wenn wir also über Innovation, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit sprechen, dann sprechen wir zwangsläufig auch über Frauen in Führungsrollen.

Dass Frauen bislang deutlich seltener Betriebe leiten, hat wenig mit mangelnder Qualifikation oder fehlendem Engagement zu tun. Die Ursachen liegen tiefer – und sie sind strukturell.

Ein zentrales Thema sind Hofübergaben und Eigentumsstrukturen. Noch immer werden landwirtschaftliche Betriebe überwiegend an männliche Nachfolger übergeben. Frauen, die über Jahre oder Jahrzehnte auf dem Hof mitarbeiten, bleiben formal häufig außen vor. Ohne Eigentum und ohne offizielle Leitungsfunktion fehlen ihnen nicht nur Mitspracherechte, sondern auch wirtschaftliche Sicherheiten – etwa mit Blick auf Altersvorsorge oder Kreditwürdigkeit.

Eng damit verbunden ist der Zugang zu Kapital. Frauen verfügen seltener über eigenes Land oder betriebliche Sicherheiten. Ihre Einkommen sind im Durchschnitt niedriger. Klassische Finanzierungsmodelle greifen hier oft zu kurz und benachteiligen Frauen strukturell. Das erschwert Investitionen, Neugründungen oder Hofübernahmen – und bremst unternehmerisches Potenzial aus.

Ein weiterer Punkt ist die Anerkennung von Arbeit und soziale Absicherung. Viele Frauen leisten unverzichtbare Arbeit als Familienarbeitskräfte oder in Teilzeit, ohne ausreichend sozial abgesichert zu sein. Diese Arbeit wird statistisch häufig nicht als unternehmerische Tätigkeit erfasst. Die Folgen zeigen sich später – etwa bei der Altersvorsorge oder im Krankheitsfall.

Hinzu kommen Defizite bei Ausbildung, Beratung und Netzwerken. Viele Angebote sind historisch gewachsen und orientieren sich an klassischen, männlich geprägten Karrierewegen. Spezifische Mentoring-Programme, weibliche Vorbilder oder passgenaue Weiterbildungsformate fehlen vielerorts noch.

Und schließlich spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine zentrale Rolle. Kinderbetreuung, Mobilität, Gesundheitsversorgung und flexible Arbeitsmodelle sind im ländlichen Raum oft unzureichend ausgebaut. Diese Infrastruktur entscheidet mit darüber, ob Frauen Führungsverantwortung übernehmen können oder nicht.

All diese Hürden haben eines gemeinsam: Sie sind nicht naturgegeben. Sie sind gestaltbar.

Und genau hier liegt unsere gemeinsame Verantwortung – von Politik, Verbänden, Finanzwirtschaft und Gesellschaft.

Denn die Landwirtschaft kann es sich nicht leisten, auf einen großen Teil ihres Talentpools zu verzichten. Angesichts des Fachkräftemangels, des steigenden Innovationsdrucks und der notwendigen Transformation wäre das ein strategischer Fehler.

Es geht deshalb nicht um Symbolpolitik, sondern um Standort- und Zukunftspolitik.

Ein erster Ansatzpunkt sind faire und transparente Hofübergaben. Rechtliche, steuerliche und finanzielle Rahmenbedingungen müssen so ausgestaltet sein, dass Frauen reale Chancen auf Hofübernahmen haben. Dazu gehören qualifizierte Beratung, Mediation innerhalb von Familien – und ein offenes Gespräch über Rollenbilder und Erwartungen.

Zweitens braucht es einen gezielten Zugang zu Kapital. Förderprogramme, Startkredite und Darlehen mit machbaren Sicherheitenanforderungen sind entscheidend, um Investitionen und Gründungen zu ermöglichen. Transparente Informationen und niedrigschwellige Antragshilfen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Drittens müssen Qualifizierung, Beratung und Mentoring weiter ausgebaut werden. Spezifische Weiterbildungsangebote, Netzwerke und Mentoring-Programme stärken Selbstvertrauen, unternehmerische Kompetenz und wirtschaftlichen Erfolg.

Viertens ist der Ausbau der ländlichen Infrastruktur unverzichtbar. Investitionen in Kinderbetreuung, Verkehrsanbindung und Gesundheitsversorgung sind keine Randthemen – sie sind eine Grundvoraussetzung für die Übernahme von Führungsverantwortung.

Und fünftens brauchen Frauen eine stärkere Stimme in agrarpolitischen Prozessen. Ihre Expertise muss systematisch in Gremien, Anhörungen und Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Wir als Rentenbank bringen das Land nachhaltig voran und und unterstützen deshalb diese Entwicklung aktiv. Wir fördern gezielt Hofnachfolgerinnen und Existenzgründerinnen mit speziellen Programmen, attraktiven Kreditangeboten und der Finanzierung von Beratungsleistungen.

Außerdem unterstützen wir ein Coaching-Programm der SVLFG, das Frauen in der Branche ermutigt und sie konkret dabei begleitet, Führungsaufgaben in der Landwirtschaft zu übernehmen. Es geht bewusst über klassische betriebswirtschaftliche Beratung hinaus. Neben Unternehmensführung und Selbstorganisation spielen auch Gesundheitsförderung und Prävention eine wichtige Rolle. Denn Führungsverantwortung erfordert nicht nur Fachwissen, sondern auch persönliche Stärke und Resilienz.

Auch der Deutsche Bauernverband – Gastgeber des heutigen Abends – leistet einen wichtigen Beitrag. Mit dem Unternehmerinnen-Fachausschuss, der 2022 gegründet wurde, erhalten Landwirtinnen und Unternehmerinnen eine stärkere Stimme in der Agrarpolitik und im Verband. Netzwerke, Mentoringprogramme und Fortbildungsangebote stärken den Austausch und die gegenseitige Unterstützung. Das Unternehmerinnennetzwerk verbindet inzwischen über 70 Frauen aus ganz Deutschland.


Meine Damen und Herren,

dieses Jahr wurde von den Vereinten Nationen zum Jahr der Frauen in der Landwirtschaft ausgerufen. Das ist eine großartige Gelegenheit – nicht nur für dieses Jahr, sondern auch für die Zukunft –, um darauf aufmerksam zu machen, welchen bedeutenden Beitrag Frauen in der Landwirtschaft leisten und um gemeinsam daran zu arbeiten, bestehende Hürden abzubauen, damit unsere Branche noch stärker davon profitieren kann, dass so viele engagierte Frauen bereit sind, die Landwirtschaft in unserem Land voranzubringen.

Um dieses wichtige Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, starten der Deutsche Bauernverband und die Rentenbank eine gemeinsame Kampagne. Jeden Monat stellen wir eine Landwirtin vor, die Herausforderungen gemeistert und Erfolgsgeschichten geschrieben hat. Wir machen ihre Erfahrungen, ihren Mut und ihre individuellen Wege sichtbar. Denn Sichtbarkeit ist ein entscheidender Motor für Veränderung.

Gleichzeitig hat der Deutsche Bauernverband gemeinsam mit verschiedenen Stakeholdern ein Positionspapier auf den Weg gebracht, in dem wir zentrale politische Weichenstellungen formulieren, damit Frauen die Landwirtschaft noch erfolgreicher mitgestalten können. Für diese bedeutende Initiative möchte ich dem DBV ganz herzlich danken.

Das Thema Sichtbarkeit ist natürlich auch eines für Sie, liebe Medienvertreterinnen und Medienvertreter. Deshalb rufe ich Sie auf: Zeigen sie Erfolgsgeschichten von Landwirtinnen und machen sie so anderen Frauen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Benennen sie bestehende Missstände und Hürden. Und zeigen sie Wege auf, wie es besser gehen kann. Auch das gehört zu verantwortungsvollem Journalismus dazu. Und genau so trägt dieser Journalismus dazu bei, dass unsere Landwirtschaft erfolgreich bleibt.

Übrigens, nur am Rande: Die Vereinten Nationen haben das letzte Jahr zum Jahr des Friedens und des Vertrauens ausgerufen. Wenn ich mir anschaue, was in den letzten Monaten passiert ist, muss ich ehrlich sagen: Das Ziel haben wir leider verfehlt. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir alle daran arbeiten.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass das Jahr 2026 – das Jahr der Frauen in der Landwirtschaft – ein voller Erfolg wird.

Ich glaube übrigens fest daran, dass mit mehr Frauen in politischen Führungspositionen auch Frieden und Vertrauen bessere Chancen hätten. Aber das ist eine Diskussion für ein anderes Mal.


Liebe Gäste,

Frauen leisten heute bereits einen unverzichtbaren Beitrag zur Landwirtschaft. Wenn wir ihnen mehr Verantwortung, mehr Sichtbarkeit und bessere Rahmenbedingungen geben, wird die Branche davon profitieren.

Die Landwirtschaft wird vielfältiger, innovativer und resilienter. Und damit besser gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft.

Die notwendigen Schritte sind bekannt. Jetzt geht es darum, sie konsequent umzusetzen.

Lassen Sie uns das UN-Jahr der Landwirtin nutzen – nicht nur als Symbol, sondern als Impuls für nachhaltige strukturelle Veränderungen.

Denn eines ist klar: Frauen in der Landwirtschaft sind kein Nice to have. Sie sind ein Erfolgsmodell.

Vielen Dank

 

#UNJahrderLandwirtin #Landwirtschaft #Resilienz

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