Eine Gesellschaft, die ihre Ernährung nicht sichern kann, ist doppelt verwundbar. Erstens kann Ernährung als außenpolitisches Druckmittel eingesetzt werden, denn wenn Lieferketten unterbrochen oder Exporte gestoppt werden, geraten Staaten in Versorgungsnot. Der Krieg in der Ukraine hat das eindrücklich gezeigt: Getreideexporte wurden eingeschränkt, Preise stiegen, importabhängige Länder gerieten unter Druck. Zweitens wirkt Ernährungssicherheit innenpolitisch. Steigende Preise und knappe Versorgung schüren soziale Spannungen und gefährden Stabilität.
Sicherheitspolitik reicht daher weit über militärische Fähigkeiten hinaus. Dass diese Perspektive in der Politik angekommen ist, hat auch die Grüne Woche in Berlin gezeigt. Ernährungssicherheit wurde dort als Frage von Resilienz, Preisstabilität und gesellschaftlichem Zusammenhalt diskutiert. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer hatte schon zum Auftakt unter anderem auf dieser Plattform betont, dass eine leistungsfähige heimische Landwirtschaft ein strategisches Gut und kein „Nice-to-Have“ sei.
Strategische Resilienz statt Abhängigkeit
Für Deutschland als global vernetzte Volkswirtschaft ist diese Sichtweise besonders relevant. Abhängigkeiten lassen sich nicht vermeiden und Export ist ein Wirtschaftsfaktor - entscheidend ist die strategische Resilienz der Versorgung. Engpässe bei Medikamenten zeigen, wie schnell Sicherheit verloren geht, wenn eigene Produktionskapazitäten fehlen. Gleiches gilt für Nahrungsmittel.
Auch das Mercosur-Abkommen muss vor diesem Hintergrund bewertet werden: Offene Märkte können Wirtschaft und Versorgungssicherheit stärken, dürfen aber heimische Produktionskapazitäten nicht dauerhaft schwächen. Ernährungssicherheit entsteht durch ein ausgewogenes Verhältnis von Handel und eigener Leistungsfähigkeit.
Sechs Handlungsfelder für eine sichere Versorgung
Deutschland verfügt über eine leistungsfähige Landwirtschaft, doch ihre Wettbewerbsfähigkeit gerät durch mannigfache Herausforderungen wie Klimawandel, den demografischen Wandel, aber auch Bürokratie und sich ständig verändernde Anforderungen unter Druck: Betriebe geben auf, Flächen gehen verloren, Einkommen schwanken, Nachwuchs fehlt und größere Investitionen werden verschoben.
Ernährungssicherheit ist daher keine immerwährende Selbstverständlichkeit – sie muss aktiv gesichert werden. Dazu sind sechs Handlungsfelder entscheidend:
- Mehr Investitionen in Innovation und Digitalisierung
Präzisionslandwirtschaft, Automatisierung und digitale Steuerung erhöhen Produktivität und Resilienz. Digitale Lösungen müssen auch für kleinere Betriebe zugänglich sein, etwa durch Förderprogramme, Kooperationen, Beratung und Breitbandausbau in den ländlichen Räumen.
- Erhalt der Ressourcen
Bodenfruchtbarkeit, Wasserverfügbarkeit und Biodiversität sind Grundvoraussetzungen für langfristige Versorgung. Klimaanpassung, Humusaufbau, Gewässerschutz und nachhaltige Düngung stärken die Produktivität und die nationale Resilienz.
- Diversifizierung der Produktionssysteme
Vielfalt erhöht Stabilität und reduziert Risiken. Dafür brauchen wir unterschiedliche Kulturen, Fruchtfolgen, Mischsysteme aus Ackerbau und Viehhaltung sowie divers aufgestellte Betriebe, in Größe und Aufstellung.
- Planungssicherheit und Bürokratieabbau
Landwirtschaftliche Investitionen sind langfristig. Betriebe brauchen klare, praxisnahe Regeln, weniger Verwaltungsaufwand und schnellere, verlässliche Genehmigungen. Wenn Bürokratie überhandnimmt, sinkt die Investitionsbereitschaft und damit die Fähigkeit, Versorgungskapazitäten auszubauen. Das zeigen auch die Ergebnisse unseres Rentenbank-Agrarbarometers, unserer regelmäßigen Befragung der Branche.
- Wertschätzung für Landwirte und Lebensmittel
Wer hohe Standards will, muss den Wert der Produkte anerkennen – auch monetär. Zu niedrige Preise machen nachhaltige Landwirtschaft unmöglich. Faire Erzeugerpreise, transparente Lieferketten und regionale Vermarktung stärken die Wirtschaftlichkeit. Dabei muss klar sein, dass auch Verbraucher durch ihr Kaufverhalten einen Teil der Verantwortung tragen.
- Fachkräfte sichern und Nachwuchs gewinnen
Die Landwirtschaft der Zukunft ist hochtechnologisch. Dafür braucht es qualifizierte Fachkräfte. Ausbildung, Perspektiven und gesellschaftliche Anerkennung für die Berufe in der grünen Branche müssen gestärkt werden, damit sie für junge Menschen attraktiv sind. Auch das Potenzial von Frauen muss stärker genutzt werden. Das UN-Jahr der Landwirtin 2026 ist ein Anlass, strukturelle Hürden abzubauen.
Ernährungssicherheit als gemeinsame Verantwortung
Ernährungssicherheit ist keine Aufgabe der Landwirtschaft allein. Handel, Industrie, Logistik, Finanzwirtschaft und wir alle tragen Verantwortung.
Als Förderbank für Landwirtschaft und ländlichen Raum begleitet die Rentenbank die Branche auf dem Weg in eine wettbewerbsfähige und erfolgreiche Zukunft. Seit ihrer Gründung ist ihr Auftrag sicherheitspolitisch geprägt: Ernährung verfügbar, bezahlbar und verlässlich zu machen. Dieser Auftrag gilt heute mehr denn je.
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