Begrüßung
Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung und freue mich, heute in Kiel zu sein – einem Ort, der wie kaum ein anderer für Wirtschaft, Handel, Logistik und Innovation steht.
Ich möchte mit Ihnen über Sicherheit sprechen, genauer genommen über Ernährungssicherheit. Und Kiel ist dafür ein idealer Ort: Hier wird sichtbar, wie eng Verteidigung, Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt miteinander verbunden sind.
Wenn wir heute über Sicherheit sprechen, denken wir meist an militärische Stärke – an Drohnentechnologie, Panzersysteme, Raketenabwehr und geopolitische Strategien. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Lage im Nahen Osten oder Spannungen im Indopazifik prägen die Debatte. Deutschland, wie viele andere Staaten auch, reagiert mit höheren Verteidigungsausgaben und Investitionen in die Bundeswehr – eine nachvollziehbare, total überfällige aber natürlich nicht hinreichende Antwort.
Denn klar ist: Sicherheit entscheidet sich nicht nur an Landesgrenzen, auf hoher See oder im Luftraum, Sie entscheidet sich ebenso im Alltag der Menschen: bei stabilen Lieferketten, bezahlbaren Preisen und verlässlicher Versorgung.
Genau hier rückt ein Faktor in den Fokus, der in sicherheitspolitischen Debatten oft gänzlich fehlt: nämlich Ernährung.
Warum ist Ernährung ein sicherheitspolitischer Faktor? Ein Blick in die Geschichte gibt darauf eine klare Antwort.
Hunger wurde seit jeher gezielt als Mittel der Machtausübung eingesetzt – durch Belagerungen, Blockaden oder die Zerstörung von Produktions- und Versorgungsstrukturen. Im 20. Jahrhundert wurde Hunger systematisch als Waffe genutzt, etwa im Zweiten Weltkrieg.
Auch heute, in einer global vernetzten Welt, wirken diese Mechanismen fort. Der Krieg in der Ukraine hat eindrucksvoll gezeigt, wie verwundbar globale Ernährungssysteme sind: Blockierte Getreideexporte führten zu massiven Preissprüngen auf den Weltmärkten. 2022 stiegen die Weizenpreise zeitweise um bis zu 40 Prozent – mit gravierenden Folgen vor allem für Länder in Nordafrika, im Nahen Osten und in Teilen Asiens. Hunger wird so wieder zu einem geopolitischen Druckmittel.
Doch Hunger wirkt nicht nur global, sondern auch direkt innerhalb von Gesellschaften. Er demoralisiert, destabilisiert und untergräbt staatliche Legitimität. Wir alle kennen die Maslowsche Bedürfnispyramide: Wenn elementare Bedürfnisse wie Nahrung nicht gesichert sind, verlieren alle anderen politischen und gesellschaftlichen Ziele an Bedeutung.
Geschichte und Gegenwart zeigen: Steigende Lebensmittelpreise waren Auslöser tiefgreifender politischer Umbrüche – von der Französischen Revolution ( Marie Antoinette „Kuchen“ ) bis zum Arabischen Frühling. Wer Ernährungssicherheit vernachlässigt, riskiert soziale Spannungen und politische Instabilität
Eine Gesellschaft, die ihre Ernährung nicht sichern kann, ist doppelt verwundbar: gegenüber äußeren Erpressungsversuchen ebenso wie gegenüber innerer Destabilisierung.
In der Konsequenz wird deutlich: Verteidigungsfähigkeit reicht heute weit über militärische Schlagkraft hinaus.
Gerade für Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft mit eng verflochtenen globalen Lieferketten ist diese Erkenntnis zentral. Abhängigkeiten lassen sich nicht vollständig vermeiden – entscheidend ist jedoch, wie wir mit ihnen umgehen und wie strategisch resilient wir unsere Versorgung aufstellen, um Verwundbarkeiten zu minimieren.
Dass es dabei um mehr geht als um Lebensmittel, zeigt die aktuelle Situation bei Antibiotika. Der Verlust eigener Produktionskapazitäten hat zu spürbaren Engpässen geführt und verdeutlicht, wie schnell Versorgungssicherheit und der Schutz der eigenen Bürger ins Wanken geraten kann, wenn zentrale Güter nicht mehr im eigenen Land hergestellt werden.
Was für Medikamente gilt, gilt ebenso für Nahrungsmittel: Wer im Krisenfall nicht selbst produzieren kann, gerät in Abhängigkeit – und wird damit erpressbar. Und Ja:
Es ist sehr unterschiedlich, wovon wir in Deutschland in Übermaß produzieren und wo, nicht.
Werfen wir also einen Blick darauf, wie – und ich sage es bewusst – verteidigungsfähig wir beim Thema Ernährungssicherheit aktuell sind.
Deutschland verfügt über eine Hochleistungsfähige Landwirtschaft: Wir haben überwiegend Gunststandorte. Die Branche ist technologisch kompetent, produktiv und eingebettet in funktionierende Wertschöpfungsketten. Doch diese Stärke ist kein immerwährender Selbstläufer. Die Wettbewerbsfähigkeit ist und wird gefährdet! Die Zahlen des jüngst veröffentlichen Situationsberichts des Deutschen Bauernverbandes zeigen: Ökonomische und strukturelle Herausforderungen setzen die Branche unter Druck. Hinzu kommen die großen Treiber – der Klimawandel, die Digitalisierung und die demografische Entwicklung.
Ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen zeigt die Dimension:
- Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sinkt weiter. 2024 gab es noch rund 255.000 Betriebe – 2010 waren es noch fast 300.000.
- Fast 17 Millionen Hektar und damit rund die Hälfte der Landesfläche werden landwirtschaftlich genutzt, stehen jedoch zunehmend unter Druck durch Versiegelung, Nutzungskonkurrenzen, Klimawandel und Extremwetter. Allein zwischen 2016 und 2024 gingen über 300.000 Hektar verloren. 51 – 52 Hektar Land werden täglich in Deutschland versiegelt. Das Ziel der Bundesregierung ist: diese Rate bis 2030 auf unter 30 Hektar zu senken.
- Die Erntemengen ebenso wie die Einkommen in der Landwirtschaft schwanken deutlich.
- Der Nachwuchs wird knapper: Zwischen 2007 und 2024 sank die Zahl der Auszubildenden in der Landwirtschaft von fast 43.000 auf knapp über 31.000. Gleichzeitig steigt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften, etwa für Digitalisierung, Technik, Tierwohl, Umwelt- und Klimamanagement. Diese Entwicklungen machen deutlich: Ernährungssicherheit hängt nicht nur von Flächen, Erträgen und Investitionen ab, sondern zunehmend auch von der Frage, wer morgen unsere Lebensmittel erzeugt. Ohne qualifizierte Menschen verliert selbst die produktivste Struktur ihre Stabilität.
- 40 Prozent der Betriebe planen aktuell keine weiteren Investitionen, vor allem aufgrund fehlender Planungssicherheit (Exkurs!).
- Die Verarbeitungsstrukturen für Lebensmittel für Deutschland werden immer weiter ausgedünnt. Bestes Beispiel dafür sind Schlachthöfe.
- Über 70 Prozent der Betriebe nennen Bürokratie und die Agrarpolitik als größte Belastung.
Wenn man die Relevanz der Branche versteht und dann auf diese Zahlen blickt, kann einem schon mulmig werden.
Die gute Nachricht aber ist: Es ist noch nicht zu spät gegenzusteuern. Und: Die Branche selbst ist investitions- und veränderungsbereit. Das zeigt unser Rentenbank-Agrarbarometer, unsere regelmäßige Befragung unter Landwirtinnen und Landwirten. Viele Betriebe wollen wachsen, modernisieren und nachhaltiger wirtschaften. Aber sie brauchen Unterstützung und die notwendigen Rahmenbedingungen.
Damit sich die Branche zukunftsfest aufstellen kann – und wir als Land unsere Ernährungssicherheit stärken können, sind aus meiner Sicht sechs Handlungsfelder zentral:
Erstens: Wir brauchen mehr Investitionen in Innovation und Digitalisierung.
Präzisionslandwirtschaft, Automatisierung, digitale Betriebsführung und moderne Züchtungsmethoden steigern Produktivität und Resilienz. Deswegen müssen wir auch über Möglichkeiten dringend sprechen, wie Genom Addi King uns für die Zukunft hier helfen kann. Sie reduzieren Abhängigkeiten von Wetter, Ressourcen und Arbeitskräften. Innovation ist kein Luxus, sondern ein Beitrag zur nationalen Sicherheit. Was wir hier auch brauchen, ist der Abbau von Hürden im digitalen Bereich, damit Systeme miteinander kooperieren können.
Zweitens: Wir brauchen Investitionen in Nachhaltigkeit.
Bodenfruchtbarkeit, Wasserverfügbarkeit, Biodiversität und Klimaanpassung sind die Grundlage langfristiger Versorgungssicherheit. Nachhaltigkeit sichert nicht nur ökologische Ressourcen, sondern auch Finanzierung, Marktzugang und gesellschaftliche Akzeptanz.
Drittens: Wir brauchen eine Diversifizierung der Produktionssysteme.
Monostrukturen sind effizient, aber anfällig. Vielfalt bei Fruchtfolgen, Betriebsmodellen und Wertschöpfungsketten erhöht Stabilität, reduziert Risiken und stärkt regionale Resilienz.
Viertens: Wir brauchen dringend Planungssicherheit und Bürokratieabbau.
Landwirtschaftliche Investitionen sind langfristig. Sie brauchen klare, verlässliche und praxisnahe Regeln. Übermäßige Bürokratie bindet Ressourcen, die wir für Innovation und Resilienz dringend benötigen.
Fünftens: Wir brauchen mehr Wertschätzung für Landwirte und für Lebensmittel und gezielte Förderung.
Ernährungssicherheit ist eine gesamtgesellschaftliche Leistung. Das muss auch in politischen Debatten deutlich präsenter werden. Wertschätzung darf jedoch nicht bei Worten enden. Sie zeigt sich auch ganz konkret an der Ladenkasse. Wer heimische Produktion, hohe Umwelt- und Tierwohlstandards sowie regionale Wertschöpfung will, muss bereit sein, diesen Mehrwert auch zu bezahlen. Gute, in Deutschland erzeugte Lebensmittel haben ihren Preis. Wird dieser dauerhaft nicht gezahlt, fehlt Betrieben die wirtschaftliche Grundlage für Investitionen.
Sechstens: Wir müssen Fachkräfte sichern und Nachwuchs gewinnen.
Die Landwirtschaft von morgen ist hoch technologisch, datengetrieben und systemrelevant. Dieses Bild muss stärker vermittelt werden – in Schulen, Ausbildung, Hochschulen und Öffentlichkeit.
Als Förderbank für Landwirtschaft und ländlichen Raum begleiten wir die Branche auf ihrem Weg in eine stabile und erfolgreiche Zukunft – eine Zukunft, in der sie ein strategischer Stützpfeiler unserer Sicherheit ist und bleibt. Dieser Auftrag prägt uns seit jeher.
Unsere Wurzeln reichen zurück in die Tradition jener Institute, die einst die Bauernbefreiung mit ermöglichten. Ein kurzer Blick in das Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts zeigt, warum das bedeutsam ist:
Die Bauernbefreiung war ein vielschichtiger Prozess. Sie trug langfristig dazu bei, landwirtschaftliche Betriebe zu vergrößern und zu modernisieren – und damit die Versorgung zu verbessern. Zugleich brachte sie anfangs neue Belastungen mit sich und verschärfte die Not vieler Bauern, bevor die Vorteile für die Ernährungssicherheit spürbar wurden. Wichtige Impulse gaben damals neu gegründete Realinstitute. Sie ermöglichten Bauern die Ablösung feudaler Lasten durch Kredite und entschädigten Grundherren über Rentenbriefe. Damit leisteten sie einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung privaten Eigentums und zur Finanzierung von Strukturverbesserungen in der Landwirtschaft.
In dieser Tradition wurde die Rentenbank 1949 gegründet: nach Jahren von Krieg, Hunger und Mangel sollte sie den Wiederaufbau der landwirtschaftlichen Produktion unterstützen und sie dauerhaft sichern. Von Beginn an war unser Auftrag sicherheitspolitisch geprägt – Ernährung verfügbar, bezahlbar und verlässlich zu machen. Fortschritt war dafür der zentrale Hebel: Düngemittel sorgten für höhere und stabilere Erträge, moderner Pflanzenschutz verhinderte Ernteausfälle, leistungsfähige Maschinen ersetzten körperliche Schwerstarbeit und steigerten Effizienz und Produktivität. All dies erforderte Investitionen – ermöglicht durch langfristige, verlässliche Finanzierung. Die Rentenbank hat diesen Fortschritt begleitet und finanziert und damit wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschland den Weg vom Mangel hin zur Versorgungssicherheit gehen konnte.
Wir brauchen Fortschritt, um neuen Herausforderungen begegnen zu können.
Auch heute ist es unser Anspruch, die Branche so zu stärken, dass sie Ernährungssicherheit gewährleisten kann. Dazu fördern wir Investitionen in Innovation, Nachhaltigkeit und Resilienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Erzeugung über Verarbeitung und Logistik bis zur Technologie und Innovation in einer frühen Phase.
Ich möchte zum Schluss eines ganz klar sagen: Ernährungssicherheit ist keine Aufgabe der Landwirtschaft allein. Handel (ich denke an die Butterpreise vor Weihnachten!) Industrie, Logistik und Finanzwirtschaft – wir alle, die wir hier sitzen, egal aus welcher Branche und allein schon als Verbraucherinnen und Verbraucher – tragen ebenso Verantwortung.
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir als Land weniger verwundbar werden. Zeigen wir Einsatz für die Belange und Bedarfe der Landwirtschaft. Unterstützen wir Landwirtinnen und Landwirte ganz konkret, indem wir bereit sind, einen guten Preis für gute Lebensmittel zu zahlen und auch indem wir junge Menschen für eine Zukunft in der grünen Branche begeistern.
Meine Damen und Herren, wenn wir Ernährungssicherheit heute vernachlässigen, zahlen wir morgen einen hohen Preis.
Ernährungssicherheit schützt unsere Wirtschaft, unsere Demokratie und unsere Lebensweise. Sie ist eine strategische Aufgabe unserer Zeit – und eine gemeinsame Verantwortung.
Lassen Sie uns diese Verantwortung entschlossen wahrnehmen.
Uns lassen Sie uns gleich darüber sprechen und diskutieren, wie dies gelingen kann.
Vielen Dank.
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